Interview

Interview

Rico Tscharner

Seit 1994 steht Rico Tscharner an der Spitze der von ihm gegründeten Gerüstbau-Firma. Seine Begeisterung lodert wie am ersten Tag. Er ist ein Unternehmer mit Handschlagqualität und steckt voller Ideen. Der Schweizer hat über die Jahre viel „Lehrgeld“ gezahlt, baute zusammen mit Barbara und dem Gerüstbau Tscharner-Team das Unternehmen zu einem der führenden in der Schweiz auf.

Werfen wir einen Blick knapp zwei Jahrzehnte zurück. Wie kamen Sie ins Gerüst-/Baugeschäft und was fasziniert Sie daran?

Antwort: Nach der Ausbildung wehrte ich mich strikt der Berufsempfehlung meiner Mutter zu folgen. Sie wollte, dass ich eine sichere Stelle annehme. Das war für mich undenkbar. Ich suchte die Herausforderung, kein bequemes Leben. Mich fasziniert am Bau, dass bei allem, was man tut, etwas entsteht. Ich bin kein Administrator, sondern bewege lieber etwas. Ich brauche die Abwechslung. Kein Gebäude gleicht dem anderem. Die Anfangszeit von Gerüstbau Tscharner war extrem spannend. Dass die grosse deutsche Firma Thyssen Krupp an mich als Unternehmer geglaubt hat, vergesse ich nie.

Was war Ihrer Meinung nach ausschlaggebend für den Aufstieg von Gerüstbau Tscharner zu einem der grössten und erfolgreichsten Gerüstbauunternehmen in der Schweiz?

Antwort: Ich habe mein Leben der Firma gewidmet. Ich übernehme gerne Verantwortung. Mein eiserner Wille, meine Disziplin und mein Fleiss waren eine wesentliche Voraussetzung, dass wir heute da stehen, wo wir sind. Gerüstbau Tscharner steht für höchste Qualität und höchste Verlässlichkeit. Das ist keine schlechte Leistung in 20 Jahren. Es macht mich stolz, dass ich durch Barbara Tscharner und meine Initiative das Berufsbild und das Image der gesamten Branche professioneller gemacht habe.

Was zeichnet Ihrer Meinung nach einen guten Chef aus?

Antwort: Alles, was er von den Leuten verlangt, muss er auch selber können. Er muss also Verantwortung übernehmen und Vorbild sein. Als Chef braucht man Charisma, um zu begeistern und zu motivieren. Nichts ist schlimmer als ein Vorgesetzter, der seine Mitarbeiter nicht mehr hinter sich hat. Dazu braucht es Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit und auch den Mut, unangenehme Dinge offen auszusprechen. Meine Mitarbeiter wissen, dass ich rund um die Uhr verfügbar bin. Ich bin mir meiner Vorbildfunktion bewusst. Z.B. müssen Baustellen pünktlich beginnen. Glücklicherweise bin ich ein Frühaufsteher.

Wie würden Sie Ihren Arbeitsstil beschreiben? Hat er sich im Laufe der Zeit verändert?

Antwort: Mein Arbeitsstil hat sich massiv gewandelt. Heute bin ich extrem perfektionistisch. Früher war ich weniger professionell. Es ist mir sehr wichtig, dass Entscheidungen schnell umgesetzt werden, denn ich bin ein „Macher“. Ich übernehme gern Verantwortung, stehe gerade für meine Handlungen. Ich agiere sehr zielorientiert und durchsetzungsstark. Meine schnelle Auffassungsgabe hilft mir dabei. Ungeduld und Überpünktlichkeit sind Charaktereigenschaften, die für andere weniger angenehm sind. Dafür gebe ich mein Wissen gerne weiter. Am Anfang meiner Selbständigkeit musste ich viel Lehrgeld bezahlen. Heute kann ich bei Organisation, Personalführung und effizienter Umsetzung und Abwicklung aus meinem jahrelangen Erfahrungsschatz schöpfen. Die Firma ist mein liebstes Hobby. Ich brauche keinen Ausgleich ausserhalb des Unternehmens. Mein Beruf macht mir Freude. Ich identifiziere mich mit dem Unternehmen und das überträgt sich auf andere.

Wie stehen Sie zum Thema Sicherheit?

Antwort: Wir haben die Verantwortung dafür, dass unsere Mitarbeiter am Abend gesund wieder nach Hause kommen. Wenn etwas passiert, ist meistens eine kleine Unaufmerksamkeit die Ursache für den Unfall. Das kann man zu 99 Prozent verhindern. Mein grösster Wunsch ist es, dass es nie einen schweren Unfall in unserer Firma und bei anderen Gerüstbaufirmen gibt.

Sind Sie Teamplayer oder Einzelkämpfer?

Antwort: Einzelkämpfer. Es ist Teil meines Jobs, operative Entscheidungen allein zu treffen und sie zu verantworten. Mein Führungsstil ist hart, aber gerecht. Dafür wissen Partner und Mitarbeiter: „Abgemacht ist abgemacht“. Nach aussen wirke ich sicher als Patriarch, aber die öffentliche Wahrnehmung ist das Eine, der wirkliche Rico das Andere. Ich bin und bleibe ein ganz einfacher Mensch. Ich bin, nett, fürsorglich, bin gerne mit meiner Familie zusammen, geniesse Kultur – auch wenn ich meistens dafür nur während unserer Ferien Zeit habe. Zum Lesen habe ich viel zu wenig Zeit. Das letzte Hörbuch, das ich im Auto abgespielt habe, war von John Grisham „Der Regenmacher“.

Was würden Sie im Rückblick als bisher grössten beruflichen Erfolg in Ihrem Leben sehen?

Antwort: Dass ich das Gerüstbauunternehmen Roth, zu meinen Anfangszeiten die Nummer 1 in Graubünden, überrollt habe. In der Region ist nun unser Unternehmen seit Jahren an der Spitze.

Welche Erlebnisse sind Ihnen am lebhaftesten in Erinnerung?

Antwort: Da gibt es einige. Der Zuschlag von der RhB für das Langwieser Viadukt war ein großer Moment. Bewegend waren auch die Filmaufnahmen über unsere Gerüstarbeiten am Langwieser Viadukt für „Abenteuer Leben“. Die gesamte Gerüstmontage der Brücke bei 25-30 Grad Minus sollte in den Kasten. Wir waren oft nachts mit Stirnlampe über der schäumenden Plessur noch draussen.
Aber es sind auch Kleinigkeiten, die im Gedächtnis bleiben. Beispielsweise als ich mit einem Arbeiter mittags auf einer Wiese kurz Pause machen wollte und wir erst fünf Stunden später wieder wach wurden.
Oder als ein Architekt uns warnte, eine Wiese zu befahren und wir das Gerüst nicht jedes Mal 100 m weit tragen wollten. Letztendlich ist unser Jeep, wie im Film, in Zeitlupentempo im Sumpf untergegangen.
Nach wie vor unglaublich ist es für mich, dass ein Arbeiter bei 30 Grad Minus bei der Montage eines Notdachs im Stehen einschlafen kann.

Welche Ziele würden Sie gerne in den nächsten Jahren realisieren?

Antwort: Grundsätzlich ist es mein Ziel, Gerüstbau Tscharner so zu gestalten, dass das Unternehmen auch ohne meine direkte operative Mitarbeit tadellos funktioniert und die Nachfolge geregelt ist. Schade ist nur, dass ich nicht mehr selber auf Montage gehen kann. Aber ich bin viel zu zukunftsorientiert, um sentimental zu werden. Solange es mir Vergnügen und Freude bereitet, werde ich Gerüstbau Tscharner mit meinem Wissen und meiner Erfahrung begleiten.
Und: Ich würde sehr gern ins Immobiliengeschäft einsteigen.

Gewähren Sie uns zum Abschluss noch ein paar persönliche Gedanken zum Thema Erfolg?

Antwort: Mein Lebensmotto lautet „Geht nicht, gibt`s nicht.“ Wenn es eine Aufgabe zu lösen gibt, dann muss man rangehen, muss sich trauen und nicht allzu viel darüber nachdenken, ob es gut oder schlecht laufen wird. Ich nehme die Dinge in die Hand. Mit guten Geschäftsideen kann man mir eine Freude machen. Unpünktlichkeit, Unehrlichkeit, Arroganz und Faulheit bringen mich auf die Palme. In Zahlen ist Erfolg für mich, dass mehr Geld reinkommt, als man ausgibt.

Verraten Sie uns Ihr liebstes Urlaubsziel?

Antwort: Ganz klar: Berlin.

Und zu allerletzt die berühmte Inselfrage: Welche 3 Dinge würden Sie mitnehmen?

Antwort: Familie, Gerüstmaterial, Auto.

Danke für das Gespräch.